Zwölf Jahre sind seit dem 3. August 2014 vergangen.
Zwölf Jahre – und doch befindet sich mein Volk noch immer dort, wo die Welt es zurückgelassen hat: in Zelten statt in Häusern, in Armut statt beim Wiederaufbau seines Lebens und im Warten auf eine Gerechtigkeit, die nie gekommen ist.
Wir warten noch immer auf eine Regierung, die sich ihrer Verantwortung erinnert – nicht nur Shingal zu betrauern, sondern es wiederaufzubauen. Eine von IS zerstörte Stadt hätte niemals ihren Überlebenden überlassen werden dürfen, damit sie sie selbst wiederaufbauen. Diese Verantwortung liegt beim Irak. Doch zwölf Jahre später stehen die Ruinen noch immer als Zeugen des Verlassenseins.
Am 3. August 2014 begann IS eine genozidale Kampagne gegen die Eziden. Es war nicht einfach nur ein Angriff auf Menschenleben. Es war der Versuch, ein ganzes Volk, einen jahrtausendealten Glauben und eine Zivilisation auszulöschen, die seit Tausenden von Jahren bestand.
Die Erde trank das Blut unserer Väter, unserer Mütter, unserer Schwestern, unserer Brüder und unserer Kinder. Ihr Blut versickerte im Boden Shingals, doch ihre Schreie verschwanden nie. Sie hallen noch immer durch unsere Berge. Sie leben noch immer in jedem ezidischen Herzen.
Tausende unschuldige Menschen wurden ermordet. Tausende Frauen und Mädchen wurden entführt, vergewaltigt, gefoltert und auf Sklavenmärkten gekauft und verkauft, als wären sie Gegenstände und keine Menschen. Jungen wurden ihren Familien entrissen und gezwungen, zu Waffen gegen ihre eigene Zukunft zu werden.
Tausende flohen auf den Berg Shingal in dem Glauben, der Berg würde sie schützen. Stattdessen wurde er zu einem Ort, an dem Kinder verdursteten, ältere Menschen vor Hunger zusammenbrachen und Mütter ihre sterbenden Babys im Arm hielten, ohne irgendetwas – nicht einmal einen Tropfen Wasser –, um sie retten zu können.
Manche Mütter gerieten in eine Situation, der niemals eine Mutter ausgesetzt sein sollte. Zu schwach, um all ihre Kinder weiterzutragen, wurden sie auf diesem Berg des Todes zu unmöglichen Entscheidungen gezwungen. Keine Sprache kann diesen Schmerz jemals beschreiben.
IS tötete nicht nur Menschen. Die Organisation versuchte, unsere Identität auszulöschen.
Mehr als sechzig ezidische Heiligtümer und heilige Tempel wurden zerstört. Steine können wiederaufgebaut werden, doch IS wollte etwas Tieferes zerstören: die Erinnerung, den Glauben und die Seele eines Volkes.
Und dann gibt es jene Geschichten, die selbst Worte kaum zu tragen vermögen.
Ein Bericht einer Überlebenden erzählt von einer ezidischen Mutter, die mit ansehen musste, wie IS ihren sechzehnjährigen Sohn vor ihren Augen ermordete. Drei ihrer Töchter verschwanden in Gefangenschaft, ihr Schicksal blieb unbekannt. Ohne Nahrung oder Wasser eingesperrt, erhielt sie nach Tagen des Hungerns schließlich eine Mahlzeit. Sie aß, weil ihr Körper dem Hunger nicht länger widerstehen konnte. Als sie fragte, wo ihr jüngstes Kind sei, zerstörte die Antwort den letzten Rest ihrer Seele.
Man sagte ihr, die Mahlzeit, die sie gerade gegessen hatte, sei ihr einjähriger Sohn gewesen.
Stellen Sie sich vor, nach diesen Worten noch einen weiteren Tag leben zu müssen. Stellen Sie sich vor, weiterzuatmen und zu wissen, dass das Letzte, was Ihr Kind Ihnen hinterließ, eine weitere Wunde war, die niemals heilen kann.
Ein anderer Bericht beschreibt neunzehn ezidische Frauen, die in Eisenkäfige gesperrt wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, zu Sexsklavinnen gemacht zu werden. IS versammelte Menschen, darunter auch Kinder, um zuzusehen. Über die Käfige wurde Treibstoff gegossen.
Die Frauen schrien. Das Feuer antwortete.
Ihre Körper verbrannten vor den Augen einer Menschenmenge, weil sie sich weigerten, sich dem Bösen zu unterwerfen. Das waren keine Kriegshandlungen. Es waren Taten, die darauf abzielten, die Menschlichkeit selbst zu zerstören.
Und vielleicht ist eine der tiefsten Wunden, die wir tragen, diese: Die Welt wusste es. Die Welt sah es. Die Welt schaute zu. Und doch blickte sie viel zu lange weg.
Heute, zwölf Jahre später, sind die Fernsehkameras verschwunden. Die Schlagzeilen sind verblasst. Die Aufmerksamkeit der Welt ist weitergezogen.
Doch ein Genozid endet nicht, wenn die Schüsse verstummen.
Er lebt weiter in jeder Mutter, die noch immer auf eine vermisste Tochter wartet, in jedem Vater, der kein Grab besuchen kann, in jedem Kind, das ohne Eltern aufgewachsen ist, in jedem Überlebenden, der jede Nacht mit Erinnerungen erwacht, denen er nicht entkommen kann, und in jedem Eziden, dessen Herz noch immer unter den Ruinen Shingals begraben liegt.
Für jeden Eziden ist 2014 keine Geschichte. Es ist heute. Es ist jeder Albtraum, jeder leere Stuhl am Familientisch, jede unbeantwortete Frage und jede Träne, die noch immer für jene fällt, die die Erde vor zwölf Jahren verschlungen hat.
Wir bitten die Welt nicht um Mitleid.
Wir fordern Gerechtigkeit. Wir fordern Rechenschaft. Wir fordern die sichere Rückkehr jedes vermissten Eziden. Wir fordern den Wiederaufbau Shingals. Wir fordern, dass jedes Versprechen, das den Überlebenden gegeben wurde, Wirklichkeit wird und nicht zu einer weiteren vergessenen Erklärung verkommt.
Vor allem bitten wir darum, uns nicht zu vergessen.
Denn durch das Vergessen lebt ein Genozid weiter.
Und zwölf Jahre später sind unsere Wunden noch immer offen. Unsere Tränen fließen noch immer. Unsere Angehörigen liegen noch immer unter der Erde Shingals.
Und wir warten noch immer.